"Mach doch mal die Räder grade!"

Benutzeravatar
Schuby
Administrator
Beiträge: 459
Registriert: So 21. Feb 2016, 09:29
Wohnort: Berlin

"Mach doch mal die Räder grade!"

Beitragvon Schuby » Sa 5. Nov 2016, 22:13

Hier gehts um das Thema Nachlenken.
Ich schildere mal meine Erfahrungen und wie man sich bitte nicht verhalten sollte.

Jeder Begleiter entscheidet wohl selber, ob er einen wie auch immer gearteten Auflieger nachlenkt oder nicht.
Es geht in diesem Post auch nicht um die Verantwortung oder
"darf ich das" oder
"wurde mir das untersagt/verboten" oder
"traue ich mir das zu?" oder
"lehne ich das ab, weil ich das noch nie gemacht habe?".

Hier gehts um klare, verständliche und kurze Ansagen über Funk, damit der STP-Fahrer weiss, was in gefühlten 85,30m Entfernung hinter seiner Position am Lenkrad am Ende seines Zuges passiert.
Der STP-Fahrer sieht sein Heck nicht!!!
Wenn der Fahrer mehr wissen möchte/muss, wird er das mitteilen oder aussteigen.
Keine Romane erzählen!


"STOPP" Das ist eine unmissverständliche Ansage, die in allen europäischen Sprachen verstanden wird.
Nicht "Halt", "Halt doch mal an", "Köntest du mal anhalten", etc.
Euer Fahrer wird bei "Halt" wohl, wenn überhaupt, nur zögerlich reagieren und Schwupps steht euer Transport in der Leitplanke, im Graben oder AUF dem Kreisverkehr. Zudem gibt es bei ausländischen Fahrern oft noch eine Sprachbarriere.

Wenn der Fahrer seinen Zug selber nachlenkt, habe ich folgende gute Erfahrungen mit diesen Ansagen gemacht, sofern man sich vorher darüber verständigt hat, dass zu einem gewissen Zeitpunkt nachgelenkt werden muss, aber auch das sieht euer STP-Fahrer lange, bevor ihr hinten überhaupt auf die Mikrofontaste drücken konntet:

"Rechts lenken!"
Der Fahrer weiss nun, er soll rechts auf seine Fernbedienung drücken, aber er kann weder die eingeschlagenen Räder sehen, noch seine linke Seite.
Also müsst ihr immer weiter
"Rechts Lenken!" ansagen, bis der gewünschte Einschlag erreicht ist, danach
"Gut Gelenkt!" und er wird mit dieser Einstellung weiterfahren.

Entsprechendes gilt natürlich für die entgegengesetzte Richtung, also Links, klingt logisch, oder?
Übrigens wird auch beim Rückwärtsfahren die entsprechende Richtung angesagt, nicht etwa links lenken, wenn er nach rechts soll.

Irgendwann muss der Auflieger auch wieder in Fahrstellung gebracht werden, er muss "eingespurt" werden, damit er sauber hinter dem Zugfahrzeug läuft. Es dürfte einiges an Erklärungen bedeuten, wenn das Zugfahrzeug zwar in die Baustelle oder Engstelle passt, der Auflieger hinten aber munter Pylonen, Warnbaken oder Leitplanken abräumt, oder mal eben in einen Graben rutscht, schlimmer noch, parkende PKWs zu Cabrios verwandelt, weil er einen halben Meter aus der Spur läuft.

Einige Hersteller haben eine Resettaste, einen Nullschalter oder ähnliches, dann ists ganz einfach, man muss dann nur noch kontrollieren, ob der Auflieger wirklich sauber eingespurt ist.
Anders siehts aus, wenn dieser Schalter nicht vorhanden ist:
Dann muss man seinem Fahrer auch wieder ansagen, wann "Gut Gelenkt!" ist. Meist fahren die Jungs dafür an der rechten Linie oder nehmen eine andere Markierungslinie, je nach Gegebenheit. Meist geschieht das in Schrittgeschwindigkeit, bei vielen bis etwa 25 km/h.

Es macht überhaupt und gar keinen Sinn ins Mikrofon "Mach doch mal die Räder grade!" zu brüllen.
Erstens sind Räder nicht grade sondern Rund, zweitens weiss der Fahrer nicht mehr, wie oft und/oder wie lange er auf Rechts oder Links gedrückt hat. Er kann kaum eine Strichliste führen.

Sollte der Fall eintreten, dass man die Fernbedienung selber in die Hand nimmt/in die Hand gedrückt bekommt, dann sollte man im Stand erst einmal testen, wie die Lenkachsen reagieren. Schnell oder langsam, wie lange muss man rechts oder links drücken, bis die Achsen reagieren.
Das ist von Hersteller zu Hersteller völlig unterschiedlich.
Jetzt muss man seinem Fahrer natürlich nicht rechts oder links ansagen, dafür aber nicht das Zauberwort "STOPP!" vergessen.
Dafür aber
"Weiter!", "Langsam weiter!", evtl. "Rückwärts!" und so weiter. Wie geschrieben, kurz und knapp, beim Rückwärtsfahren evtl. noch wieviel Meter bis "STOPP!".

Nach gesprochenen Kommandos bitte immer wieder die Mikrofontaste loslassen, vielleicht hat euch euer Fahrer etwas mitzuteilen.

Es ist wichtig, dass man die Breite, Überhang, Bordsteine, etc. immer im Blick hat.
Sehr wichtig ist die dem Fahrer abgewandte Seite:
Gehts rechtsrum, so kann euer Fahrer die linke Seite NICHT sehen!!! Und umgekehrt ...
Euer Fahrer wird euch auch auf Hindernisse aufmerksam machen (Schilder z.B.), die man zum Teil erst spät sieht, weil diese Aktionen meist in der Dunkelheit stattfinden.

Wenn rückwärts nachgelenkt wird, ist es für den Begleiter (fast) unwichtig, was der Fahrer vorne mit der Zugmaschine macht.
Der Begleiter AGIERT, der STP-Fahrer REAGIERT auf das Lenkverhalten des Begleiters hinten an seinem Heck, dass er immer noch nicht sehen kann.

Wer an wirklich engen Stellen stur in seinem Auto sitzenbleibt und meint, er könne alles von hinten aus dieser unbeweglichen Position sehen, der hat beim Fahrer schon verloren, so meine eigene Erfahrung. Nein, ich bleibe nicht sitzen, habe ich von Anfang an meiner "Karriere" als BF3-Fahrer nicht gemacht. Lieber steige ich dreimal zu viel aus. Bewegung hat noch niemandem geschadet. Aber nicht einfach aussteigen sondern dies dem Fahrer mitteilen, dass man z.B. diese oder jene Seite nicht einsehen kann und das besser per pedes erledigen möchte.

Man darf normalerweise auch nicht einfach ein Verkehrsschild "ziehen", dies bedeutet einen schweren Eingriff in den Strassenverkehr. Steckt der Transport aber aufgrund eines Schildes im engen Kreisverkehr fest, nun, was spricht dagegen, mal eben ein Schild zu ziehen. Sofern man es überhaupt ziehen kann. Man darf nur nicht vergessen, es wieder zu "stecken".

Im Anschluss erwartet normalerweise niemand, dass man zu seinem Begleitfahrzeug zurückrennt. Wir sind auf der Arbeit, nicht auf der Flucht. Lass die anderen Verkehrsteilnehmer Hupen oder Meckern, die beruhigen sich auch wieder. Eine Minute mehr Luft nach einer eventuell anstrengenden Aktion tut auch eurem Fahrer gut.

Noch kurz zu "lehne ich das ab, weil ich das noch nie gemacht habe?":
Seit absolut ehrlich zu eurem STP-Fahrer, sagt ihm, dass ihr noch nie oder noch nicht oft nachgelenkt habt. Der Fahrer wird zwar erstmal grummlig sein, kann sich aber darauf einstellen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und euer Fahrer war irgendwann auch mal ein Anfänger in seinem Bereich. Wenn ihr ihn lieb auf seine eigenen Anfängererfahrungen hinweist, wird er sich besinnen und euch unterstützen.

Es bringt nichts, wenn ihr einfach erzählt "Gib her das Ding, ich hab schon ganz andere Sachen kaputtgemacht!", und euer Transport landet letzlich doch im Graben. Dann hoffe ich für denjenigen, der so einen überheblichen Spruch abgelassen hat, er hat schnelle Füße oder einen verständnissvollen Arbeitgeber.


Das sind, wie geschrieben, meine eigenen Erfahrungen während meiner Transporte.
Und selbst erlebte kuriose Ansagen anderer Begleitfahrer ...

Im übrigen gelten meine Erfahrungen wahrscheinlich nicht für Turmklammerbegleitungen. "Klammerfahrer" haben aber meist auch feste Begleiter, sind also ein eingespieltes Team.

Das Kurz und Knapp oder Rechts/Links lenken kann natürlich von Fall zu Fall auch bei mir abweichen. Es kommt auch immer auf die Tages upps Nachtform an, die mein Fahrer oder ich haben. Und natürlich, wie sich Fahrer und Begleiter verstehen.
Als eine kleine Anerkennung meiner Arbeit nach einem Transport empfinde ich es nach wie vor, wenn mich der Fahrer auf ein Feierabendbierchen oder Kaffee einlädt, man noch ein halbes Stündchen plaudert und dann in sein Bettchen verschwindet. Wenn ich allerdings anschliessend einen weiteren Transport habe, gibts logischerweise keinen Alkohol.
Mal hier, mal da

Gruß Henry

Benutzeravatar
bonns
Beiträge: 179
Registriert: So 21. Feb 2016, 19:54
Wohnort: Limburg / Lahn

Re: "Mach doch mal die Räder grade!"

Beitragvon bonns » Sa 5. Nov 2016, 23:23

@Henry,

die Beschreibung ist absolut perfekt.
Kurze und knappe Anweisungen verstehen sowohl Deutsche als auch Ausländische Fahrer (meistens)
Bei gesprochenen Hörbüchern haben die meisten Probleme.
Vor allem, wenn die Sprechtaste zu lange gedrückt wird.
.
.
.
Gruss

Uwe

Benutzeravatar
Zita
Beiträge: 459
Registriert: So 21. Feb 2016, 20:50
Wohnort: Hagen

Re: "Mach doch mal die Räder grade!"

Beitragvon Zita » Mi 9. Nov 2016, 08:05

:text-goodpost:
Eine richtig gute Einführung ins Thema "Nachlenken"! :handgestures-thumbupleft:



Einen weiteren ganz wichtigen Punkt steuere ich noch bei: die Funkverbindung.

Eine funktionierende Sprachverbindung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen!! Der Eingangsbeitrag setzt das als selbstverständlich voraus - aber das ist es nicht. Und ohne Verbindung zum Fahrer hat man ein Problem.


Es fängt alles vor der eigentlichen Begleitung mit Organisation an. Jedes BF3 hat ein Handfunkgerät ... das sollte funktionieren!

Es bietet sich an, einen Sprachtest zu machen, dann ist es auch gleich auf dem richtigen Kanal eingestellt.
Egal ob man das Begleitfahrzeug zum Nachlenken oder zum Einweisen verläßt - das Handfunkgerät kommt mit.

Man ist es allerdings schnell los, wenn die Polizeibegleitung mitreden will oder auch nur ein Ohr in der Leitung haben möchte. Wenn dann absehbar ist, daß man raus muß, klärt man am Besten vorher die Verständigung: entweder man hat ein zusätzliches Handfunkgerät (dann Sprachtest) oder der LKW hat eine Freisprecheinrichtung (dann Austausch von Telefonnummern). Oder eben ganz simpel durch Handzeichen (dann sichtbare Kleidung/Taschenlampe). Übrigens ist die Verständigung per Handy und Freisprecheinrichtung an beiden Seiten der Leitung die bequemste Möglichkeit und eine prima Alternative zum CB-Funk bei Konvoifahrten.

Erst wenn die Funkverbindung steht, kann die Fahrt beginnen! Und das gilt auch für jede einzelne Engstellen - vor dem Anfahren wird ein Sprachtest gemacht. Immer! Ein ganz kurzer Wortwechsel reicht aus, aber der sollte immer am Anfang stehen. Dann kann es los gehen.


Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sicht: selbst wenn eine Engstellen durch Laternen und Scheinwerfer gut ausgeleuchtet ist, gibt es immer dunkle Ecken (in denen mit Vorliebe irgendwelche Felsen liegen). Oder man muß sehen, wie weit die Reifen von der reifenzerstörenden Bordsteinkante weg sind. Jedenfalls ist eine Taschenlampe unbedingt nötig. Und es ist nicht gut, wenn man erst dann mit der Suche anfängt, wenn man quer auf der Straße steht.


Langer Rede, kurzer Sinn:
Handfunke und Taschenlampe müssen griffbereit liegen und kommen immer mit, wenn man das Begleitfahrzeug verläßt.
... der werfe den ersten Stein!

Benutzeravatar
Schuby
Administrator
Beiträge: 459
Registriert: So 21. Feb 2016, 09:29
Wohnort: Berlin

Re: "Mach doch mal die Räder grade!"

Beitragvon Schuby » Mi 9. Nov 2016, 21:29

Dazu (Funk) steuere ich auch etwas eklatant wichtiges bei:

Wird im Konvoi gefahren, hat für alle anderen Beteiligten Funkstille zu herrschen, bis derjenige Transport, der gerade eine unübersichtliche Stelle befährt, an dieser Stelle "und durch" (oder ähnliches) meldet.

Es ist vollkommen egal, was ein anderer Begleiter oder STP-Fahrer letzte Woche Donnerstag gegessen hat.
Ich könnt bei solchen und ähnlichen Plaudereien/Bemerkungen jedesmal ausrasten. Auf freier Strecke ja, aber nicht wenns unübersichtlich wird.
Mal hier, mal da

Gruß Henry


Zurück zu „Transportbegleiter“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast